Betreff
Ergebnisse Familienatlas 2012 - Einschätzung aus Sicht der Jugendhilfe
Vorlage
0004/2013
Art
Beschlussvorlage

  

Im November 2012 wurde der Familienatlas 2012 veröffentlicht. Die mediale Berichterstattung hatte zu wiederholten Anfragen bezüglich einer eigenen Bewertung geführt. Auch hierüber wurde in den Medien berichtet. Aus Sicht der Kreisverwaltung und der Wirtschaftsförderungsgesellschaft wird der Familienatlas wie folgt bewertet:

Der Familienatlas wurde im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend von der Prognos AG erstellt. Als Ziel wird im Bericht formuliert:

„…Wie die früheren Ausgaben zielt der Familienatlas 2012 darauf ab, die Bedeutung von familienfreundlichen Lebensbedingungen als Standortfaktor für die Wirtschaft und die Lebensqualität für Familien als zentralen Aspekt für Kreise und Kommunen öffentlichkeitswirksam zu unterstreichen. Gleichzeitig soll mit dem Vergleich von Indikatoren aus den 402 Kreisen und kreisfreien Städten lokalen Akteurinnen und Akteuren eine Grundlage für eine Standortbestimmung im Wettbewerb um Familien und für eine sachliche Auseinandersetzung mit regionalen Stärken und Schwächen zur Verfügung gestellt werden. …“[1]

Der Gesamtbericht kann unter www.prognos.de/familienatlas abgerufen werden.


 

Methodik des Berichtes

Die Kriterien für die Familienfreundlichkeit werden anhand von Indikatoren dargestellt, die in vier Handlungsfelder gegliedert sind:

 

I.                   Vereinbarkeit von Familie und Beruf

II.                Wohnen und Wohnumfeld

III.             Bildung

IV.             Angebote und Organisation der regionalen Familienpolitik

 

Die einzelnen Indikatoren der Handlungsfelder I - III wurden aus verschiedenen Statistikquellen und eigenen Berechnungen der Prognos AG ermittelt. Die Daten zum Handlungsfeld IV wurden im September 2011 bei den Kommunen, so auch bei der Kreisverwaltung Borken, abgefragt. Zu allen Indikatoren werden im Bericht der jeweilige Indikatorwert der Kommune, die Position im Regionenvergleich, der Rang sowie der Durchschnittswert Deutschland angegeben.

Des Weiteren erfolgt eine Zusammenfassung in einen Rahmenbedingungen-Gesamtindex (Arbeitsmarkt und Demografie) und einen Handlungsfelder-Gesamtindex (aus den vier Handlungsfeldern) ermittelt. In einer Matrix ergeben sich dadurch neun mögliche Einordnungen der Regionen:

Quelle: Familienatlas 2012, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

 

Angaben zum Kreis Borken

 

Die Ergebnisübersicht für den Kreis Borken mit allen Einzelindikatoren ist als Anlage beigefügt. Die Zahlen sind nicht nach Jugendamtsbezirken getrennt, sondern nur insgesamt für den Kreis Borken aufbereitet worden. Als Gesamteinschätzung wurde der Kreis als Potenzialregion eingestuft. Damit werden im Familienatlas solche Regionen bezeichnet, die ein erhebliches Potenzial besitzen, ihre überdurchschnittliche Ausgangsposition in den Bereichen Wirtschaft und Demografie für die Sicherung ihrer Zukunftsfähigkeit zu nutzen, davon aber nur unzureichend Gebrauch machen.

Allerdings wird auch im Bericht ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der Familienatlas nur einen spezifischen Ausschnitt der regionalen Familienpolitik aufgreift und deswegen nicht den Anspruch erhebt, Qualität und Intensität der Familienpolitik als Ganzes zu bewerten.

Es ist insoweit erforderlich, die einzelnen Indikatoren zu betrachten, hinsichtlich ihrer Validität und Aussagekraft zu bewerten und anschließend die Frage zu entscheiden, ob sich aus der Bewertung Handlungsnotwendigkeiten ergeben.

 

Es wird darauf hingewiesen, dass das Themenfeld „Familienfreundlichkeit“ grundsätzlich ein Querschnittsthema ist. Von den 24 Indikatoren sind jedoch nur 6 durch den Fachbereich Jugend- und Familie steuerbar.

 

Generelle Vorbemerkungen zu den Indikatoren

 

-       Aufgrund der nur geringen Anzahl von Indikatoren ermöglicht die Darstellung keine umfassende und differenzierte Betrachtung der Handlungsfelder. Ebenso ergeben sich aus diesem Grund kaum konkrete Hinweise zu Unterschieden etwa zu den Nachbarkreisen.

-       Die starke Spreizung der Rangplatzierungen bei den Münsterlandkreisen lässt sich nicht nachvollziehen. Möglicherwiese ergibt sich diese gerade aus dem Umstand, dass die Werte nahe beieinanderliegen, aber dennoch alle 402 Plätze belegt wurden. Besonders deutlich wird dies im Handlungsfeld IV. Hier führt schon „ein Kreuz“ mehr oder weniger zu Rangverschiebungen von über 100 Plätzen.

-       Die Ermittlung der Gesamteinordnung „Potenzialregion“ ist anhand des Berichtes nicht nachvollziehbar und entspricht auch nicht eigenen, auf der Basis der Indikatoren vorgenommenen Berechnungen.

 

Handlungsfeld I: Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Insbesondere im Handlungsfeld I wird deutlich, dass bereits bei der Auswahl der Indikatoren eine Bewertung derart stattfindet, dass die Erreichung bestimmter Werte positiv oder negativ gewertet wird. Es werden im Wesentlichen die Merkmale Chancengleichheit am Arbeitsmarkt, Betreuungsquote von Kindern bis unter 6 Jahren und Familienbewusste Arbeitgeber über Indikatoren erfasst. Hierzu ergeben sich folgende Anmerkungen:

 


 

Indikator / Indikatorengruppe

Anmerkung

Chancengleichheit am Arbeitsmarkt

Die Relation der Erwerbstätigenquote von Frauen und Männern gibt keinen direkten Hinweis auf die Familienfreundlichkeit, wohl aber auf sich verändernde Familienbilder. Für eine qualitative Bewertung wäre es erforderlich, zu wissen, aus welchen Gründen insbesondere Frauen nicht erwerbstätig sind oder sein können.

Ein weiterer Nachteil dieser Quote liegt darin, dass Beamtinnen und Beamte, Selbstständige und helfende Familienangehörige nicht als Erwerbstätige miterfasst sind.

Betreuungs- und Ausbauquote von Kindertagesbetreuungen

Die Planung des Kreisjugendamtes orientiert sich strikt am tatsächlichen bzw. erwarteten Bedarf. Der Frage nach besonderen Bedarfen (Stichwort Randzeiten) wurde in der politischen Diskussion ausdrückliche Beachtung geschenkt und als Handlungsfeld erkannt.

Die stark unterschiedliche Inanspruchnahme der Angebote auch innerhalb des Kreises Borken zeigt, dass die absolute Betreuungsquote allein kein Indikator für familienfreundliche Lösungen ist.

Familienbewusster Arbeitgeber

Der Indikator bezieht sich ausschließlich auf das Audit „berufundfamilie“ der von der gemeinnützigen Hertie-Stiftung getragenen berufundfamilie gGmbH. Im hiesigen Raum haben sich die stark mittelständisch geprägten Unternehmen eher für das im Rahmen des Netzwerkes „Familie - Arbeit - Mittelstand im Münsterland“ (FAMM) in Kooperation mit der Bertelsmann Stiftung vergebene Siegel „Familienfreundlicher Mittelstand/Arbeitgeber“ entscheiden, welches jedoch völlig unberücksichtigt bleibt.

 

Von den durch „berufundfamilie“ zertifizierten 1010 Unternehmen waren gerade 116 in der Größenordnung bis 100 Beschäftigten, was deutlich macht, dass dieses Zertifikat eher auf Großunternehmen ausgerichtet ist.

 

Richtig ist, dass neben der Schaffung ausreichender Betreuungsangebote auch die familienfreundliche Gestaltung der Arbeitsplätze, z.B. im Hinblick auf die Gestaltung der Arbeitszeiten als Faktor für die Familienfreundlichkeit eine große Rolle spielt. Die im Netzwerk Familie-Arbeit-Mittelstand im Münsterland zusammengefassten Initiativen zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zeigen, dass diese Aufgabenstellung erkannt wurde und konkrete Lösungsansätze im Projekt erarbeitet werden.

 

 

Handlungsfeld II: Wohnen und Familie

Die einzelnen Indikatoren sind durchaus für Vergleiche tauglich, wenngleich die Faktoren nicht in allen Fällen einer politischen Steuerung zugänglich sind. Wie allgemein angemerkt, verzerrt das Ranking das Ergebnis, da auch hier nahe beieinander liegende Werte zu erheblichen Unterschieden in den Rängen führen.

 

Handlungsfeld III: Bildung

Indikator / Indikatorengruppe

Anmerkung

Inklusion von Kindern mit Migrationshintergrund in die Kindertagesbetreuung

 

Schulabschlussquote ausländischer Schüler

 

Ausbildungsplatzdichte

Bei diesen, eher qualitativen Bildungsaspekten nimmt der Kreis Plätze im oberen Bereich ein.

Schüler-Lehrer Relation

 

Durchschnittliche Klassengrößen in der Primar- und Sekundarstufe I

 

Erteilte Unterrichtsstunden je Schüler

Die Indikatoren ergeben sich überwiegend aufgrund von Zahlenbezügen, die auf landesrechtliche Vorgaben beruhen. Generell schneidet NRW hier eher schlechter ab. Gerade Regionen mit stark negativer demografischer Entwicklung liegen hier bei der Lehrer/Schüler-Relation vorne. Dies hat die paradoxe Situation zur Folge, dass insbesondere geburtenstarke Regionen als „familienunfreundlich“ eingestuft werden.

Auch fließen in die Berechnung Ganztagsangebote ein, die im Kreis Borken erst jetzt deutlich an Bedeutung gewinnen.

 

Handlungsfeld IV: Angebote und Organisation der regionalen Familienpolitik

Diese Indikatoren wurden aufgrund einer Abfrage in den Kommunen ausgewertet. Allerdings ist hier die Detailtiefe am geringsten und die Auswahl der abgefragten Merkmale eher willkürlich.

 

Besondere Angebote und Leistungen des Kreises für Familien

Hier fehlt dem Kreis Borken nur das Merkmal „Ferienprogramm für Kinder“, welches tatsächlich nicht vom Kreis direkt angeboten wird. Der Kreis Coesfeld hat dieses Merkmal bejaht, mit dem Hinweis, dass - wie im Kreis Borken - die Städte und Gemeinden diese Leistungen anbieten. Die unterschiedliche Beantwortung der Frage hat Platz 1 für Coesfeld und Platz 133 (!) für den Kreis Borken zur Folge.

Familienbezogene Organisationsmaßnahmen der Kreisverwaltung

Dieser Indikator war mit den unpräzisesten Fragen in der Erhebung verbunden. So trifft es zwar zu, dass im Kreis Borken kein „Familienbericht“ erstellt wird. Familienpolitische Fragestellungen werden jedoch systematisch vom Kompass 2025 über Maßnahmenplanungen bis hin zu Berichten zu deren Umsetzung aufgegriffen. Gleiches gilt für den wohl eher formal verstandenen Aspekt „Familienfreundlichkeitsprüfung bei Verwaltungsentscheidungen“.

 

Ohne inhaltlich Aussagen zu verfälschen, wäre bei entsprechender Interpretation der Fragen und Antworten auch ein Rang 1 für den Kreis Borken abbildbar gewesen.

 

 

Gesamteinschätzung

 

Die Intention, vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung Potenziale und Umsetzungen familienpolitischer Aspekte durch einen Vergleich der Regionen darzustellen wird ausdrücklich begrüßt. Auch sollten hier Hinweise auf Entwicklungsmöglichkeiten nicht „schöngeredet“ werden.

Im Kompass 2025 sind jedoch für den Kreis Borken und seine Städte und Gemeinden die wesentlichen Rahmenbedingungen, Positionsbeschreibungen und Herausforderungen für eine aktive Familienfreundlichkeit vorgenommen worden. Insoweit bestätigt der Familienatlas unsere Einschätzung, dass weiterer Handlungsbedarf bei der Steigerung der Erwerbsquote von Frauen und beim weiteren bedarfsgerechten Ausbau von Angeboten der Kinderbetreuung gesehen wird. Auch der Unterstützung und Begleitung der Kommunen und der heimischen Unternehmen in Fragen der Familienfreundlichkeit (z.B. durch Vernetzung, Bewusstseinsbildung, Marketing etc.) wird kreisseitig eine große Bedeutung beigemessen.

 

Insoweit wird jedoch der Einordnung als lediglich „Potenzial-Region“ widersprochen, die dadurch gekennzeichnet wäre, dass eine konsequente familienfreundliche Standortpolitik derzeit noch kein Thema ist oder erst zögerlich angegangen wird. Vielmehr wird im Kreis Borken und in seinen 17 Städten und Gemeinden dem Thema Familienfreundlichkeit ein hoher Stellenwert beigemessen und Kreis und Kommunen sind in ihren originären familienorientierten Handlungsfeldern sehr engagiert unterwegs, um die guten äußeren Rahmenbedingungen in der Region mit eigener guter Standortpolitik optimal zu verknüpfen. Auch politisch besteht hier ein hoher Konsens bei der Umsetzung von Maßnahmen.

 

Aus dem vorgelegten Bericht Familienatlas 2012 lassen sich jedoch insbesondere aufgrund der dargestellten systematischen Schwächen keine konkreten weitergehenden Maßnahmen herleiten. Die kommunale Familienpolitik im Sinne der Schaffung und des Erhaltes familienfreundlicher Rahmenbedingungen muss dennoch weiterhin eine wesentliche Säule der Kreisentwicklung bilden und jeweils auf Einzelmaßnahmen heruntergebrochen werden. Die Erschließung der vorhandenen Potenziale hat daher auch unabhängig von damit verbunden „Rankings“ hohe Bedeutung.

 

 



[1] Familienatlas 2012, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 11018 Berlin (Hrsg.), Onlineausgabe unter www.prognos.de/familienatlas, S. 4